Juli 1962: Letzter Schultag mit Frl. Hänsel in Döllen.
Juli 1962: Letzter Schultag mit Frl. Hänsel in Döllen.
1. Reihe
Harald Liebecke 2. Kl.
Lothar Przybilla 2. Kl.
Erhard Rensch 3. Kl.
Hartmut Klischke 1. Kl.
2. Reihe
Dietmar Malewski 3. Kl.
Erhard Leppin 3. Kl.
Udo Rachau 2. Kl.
Burghard Kremser 3. Kl.
Norbert Späth 3. Kl.
3. Reihe
Horst Fröhlich 2. Kl.
Adelheid Scheel 1. Kl.
Waltraud Böhm 3. Kl.
Rita Kobow 2. Kl.
Christiane Handel 1. Kl.
Wilfried Paetzelt 1. Kl.
4. Reihe
Luziane Handel 3. Kl.
Irmtraud Paetzelt 3. Kl.
Inge Scheel 2. Kl.
Frl. Hänsel
Waltraut Festtag
Sonja Simniok 2. Kl.
Am 1. September war es so weit: Zusammen mit drei anderen Kindern aus Zarenthin wurde ich eingeschult. An den ersten Schultag selbst kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber an meine mittelgroße Schultüte schon – sie war gut gefüllt, und ich war zufrieden damit. Besonders stolz war ich auf meine neue Lederschulmappe. Ihr typischer Geruch liegt mir noch heute in der Nase. Obwohl ich mir damals einen Schnappverschluss gewünscht hatte, wurde es ein Modell mit Lederriemen – im Nachhinein die bessere Wahl, denn die Schnappverschlüsse waren recht anfällig, wie ich später erfuhr.
Mit mir eingeschult wurden Erhard Leppin, Irmtraut Petzelt und Sieglinde Bär. Der Schulweg nach Döllen betrug etwa zweieinhalb Kilometer. Unsere Eltern hatten uns Fahrräder hergerichtet, die anfangs noch etwas zu groß für uns waren. So fuhren wir täglich gemeinsam los – im Winter ging es oft zu Fuß oder mit dem Schlitten. Einmal lag der Schnee fast einen Meter hoch, und zwei Brigaden aus Döllen und Zarenthin mussten tagelang räumen. Für uns bedeutete das: schulfrei – ein kleines Winterabenteuer.
Die Schule selbst, in der schon Opa und Vater die Schulbank gedrückt hatten, befand sich unterhalb der Dorfkirche. Sie bestand aus einem Flur und einem großen Klassenraum für die Klassen eins bis drei. Drei doppelte Bankreihen, eine Klapptafel, eine Wandtafel und mittendrin das mächtige Lehrerpult – für uns der „uneinnehmbare Thron“. Gemeinsam mit den Döllener Kindern waren wir pro Klassenstufe etwa zehn Schüler. Namen wie Dietmar Malewski, Waltraut Böhm, Norbert Späth, Burkhard Kremser, Waltraut Festag und Luziane Handel begleiteten uns durch diese ersten Schuljahre.
Unsere Lehrerin war Fräulein Hänsel – eine schon betagte, aber herzliche Lehrerin, die uns drei Klassen gleichzeitig unterrichtete. Mit zurückhaltender Liebe und Konsequenz schaffte sie es, jedem von uns etwas mitzugeben. So lauschten die Kleineren oft gespannt dem Stoff der älteren Klassen und wussten schon, was sie später erwartete. Manchmal unterrichtete sie uns sogar alle zusammen – für uns eine willkommene Abwechslung.
An Pausenklingeln gab es kein lautes Läuten, sondern ein kleines metallenes Glöckchen mit Lederband. Der Schulhof neben der Kirche war unser Pausenreich, und das gesittete An- und Abtreten gehörte genauso zum Alltag wie das Schreiben und Rechnen.
In der zweiten Klasse verpasste mir Frl. Hänsel meine erste und einzige Vier – im Fach Schönschrift. Ein Denkzettel, der seine Wirkung nicht verfehlte; am Schuljahresende war die Vier getilgt. Später bekam sie Unterstützung von zwei Studentinnen, ihren „Studentchen“, wie sie sie liebevoll nannte. Für uns Kinder waren Frau Mattussek und Fräulein Malze eine willkommene Bereicherung – besonders ihre Grusel- und Abenteuergeschichten sorgten für leuchtende Augen.
Nach dem Unterricht ging es einmal wöchentlich ins Schloss, wo wir Christenlehre hatten. Die Katechetin – ebenfalls hoch betagt – brachte uns die biblischen Geschichten auf lebendige Weise näher. Den Glauben selbst konnte sie uns nicht „einpflanzen“, aber ihre Bildchen zu fremden Kulturen und der Kirchengeschichte sind mir bis heute in Erinnerung geblieben.
Die ersten Schuljahre waren insgesamt schön und harmonisch. Damals war es üblich, ein Poesiealbum zu besitzen – ein kleines Büchlein voller gereimter Sprüche von Familie, Freunden und Lehrern. Leider habe ich mein eigenes Album nicht mehr, doch der Spruch, den ich vielen Mitschülern hineinschrieb, ist mir bis heute geblieben:
Hat Dich alle Welt verlassen,
weißt Du weder aus noch ein,
so wird Gott noch Dich umfassen
und im Leiden bei Dir sein.
Auch andere Einträge blieben im Gedächtnis – manche fröhlich, manche melancholisch:
Gegangen bist Du viel zu früh –
vergessen werden wir Dich nie.
So war unsere Schulzeit – geprägt von kleinen Herausforderungen, liebevollen Lehrern und vielen Erinnerungen, die bis heute nachklingen.
Quelle: Erhard Rensch